Dienstag, 8. August 2017

Rania, eine Syrerin filmt ihre Flucht bis nach Wien

Thema: Flucht

Von Syrien nach Europa
Rania filmt ihre Flucht übers Meer bis nach Wien

Alles scheint der 20-jährigen Syrerin besser zu sein, als in der zerstörten Stadt Kobane zu bleiben. Sie macht sich auf den langen Weg nach Europa – und hält alles auf Video fest.

Rania Mustafa Ali (20) filmte ihre Reise aus den Ruinen von Kobane in Syrien nach Österreich. Ihr Filmmaterial zeigt was viele Flüchtglinge auf ihrer gefährlichen Reise nach Europa erleben.
Rania wurde von Schleppern betrogen, von Mazedoniern geschlagen und mit Tränengas besprüht. Sie riskierte im Mittelmeer zu ertrinken, fuhr in einem Boot das für 15 Personen ausgelegt ist, jedoch mit 52 Menschen beladen war.
Jene mit Behinderung wurden über reißende Flüsse getragen und mit ihren Rollstühlen über schlammige Felder geschoben.
Diese Dokumentaion wurde von Anders Hammer produziert.

Kategorie Menschen & Blogs
Lizenz Standard-YouTube-Lizenz

Von Schleppern betrogen, im Mittelmeer beinahe ertrunken, mit Tränengas und Schlägen an der mazedonischen Grenze attackiert: Was Rania Mustafa Ali auf ihrer Flucht aus Syrien erlebt hat, hat sie in einem Video dokumentiert. Die Szenen sind teilweise nur schwer auszuhalten. Sie zeigen ein Schicksal, das Tausende Flüchtlinge auf ihrem Weg nach Europa erleben.

Veröffentlicht hat die Aufnahmen aus dem vergangenen Jahr jetzt die britische Zeitung «The Guardian». Zu Beginn des Videos schildert die 20-Jährige, wie sie aus Raqqa, einer der einstigen Hochburgen der Terrormiliz Islamischer Staat (IS), in das völlig zerstörte Kobane floh. Die Aufnahmen zeigen eine Ruinenstadt: «Ich denke mir immer, dass das für den Rest der Welt ein Kriegsgebiet ist. Für uns ist es unser Zuhause.»

Zahnbürste und «Game of Thrones»

Rania will nach Europa gelangen, bevor sich die Regelungen für Flüchtlinge ändern. «Auch wenn das Meer furchterregend ist, das Leben hier ist furchterregender», sagt sie.

Die junge Frau packt Kleidung und Handtücher, «Game of Thrones»-DVDs, ein paar Bücher, Zahnbürste und Notizblöcke sowie Fotos ihrer Mutter ein. Dann macht sie sich auf den Weg über die türkische Grenze. Rund 300 Dollar zahlt sie Schleppern dafür – und landet in Urfa im Südosten der Türkei. Kurdisch will sie auf der Strasse nicht sprechen, weil das «Probleme bereiten» könnte.

Mit anderen syrischen Flüchtlingen setzt sie ihre Flucht fort. Ihr Gepäck versucht Rania mit Plastiksäcken wasserdicht zu machen, denn sie will die gefährliche Überfahrt über das Mittelmeer wagen. Rania hat Angst.

Die nächste Szene zeigt sie auf einem Boot, das 15 Menschen tragen kann. 52 Flüchtlinge befinden sich darauf – Männer, Frauen, kleine Kinder. Plötzlich beginnt das Boot zu sinken. Doch die Gruppe hat Glück: Ein Schiff in der Nähe nimmt sie auf.

«Menschen sterben hier»

Rania landet auf der griechischen Insel Lesbos, besorgt sich ein Fährenticket nach Athen und bezahlt 50 Euro für einen Bus, um an die mazedonische Grenze zu gelangen. Das Busticket bekommt sie nie – es gibt gar keines.

Über Umwege gelangt Rania doch zur Grenze, findet ein Zeltlager: Sie ist im Camp von Idomeni gelandet. Das Wetter ist schlecht, die Zelte versinken im Schlamm. «Menschen sterben hier», sagt Rania im Video.
Polizei wartet auf der anderen Seite

Im Lager geht das Gerücht um, dass Flüchtlinge abgeholt und in die Türkei abgeschoben werden. Jetzt will die 20-Jährige zu Fuss über die Grenze. In ihrer Gruppe sind Rollstuhlfahrer, die über den matschigen Boden gezerrt werden. Kinder, Beeinträchtigte und Schwache müssen über Flüsse getragen werden.

In Mazedonien werden sie von der Polizei empfangen. Die Szenen zeigen, wie die Flüchtlinge in Panik umdrehen, in den vorderen Reihen sollen Polizisten auf die Menschen einschlagen.

Mit gefälschten Pässen unterwegs

Die Gruppe wird zurück auf die griechische Seite gedrängt. In der Nacht versammeln sich die Menschen am Grenzzaun, skandieren: «Wir sterben hier!» Stunden vergehen, dann fliegen Tränengas-Granaten und Steine auf die Flüchtlinge, man sieht einen Mann mit blutenden Wunden. Tage vergehen, doch die Grenze bleibt zu, der geplante Weg über Mazedonien, Serbien, Kroatien und Slowenien ist versperrt.

Im Mai 2016 können sich Rania und ihr Begleiter 7000 Euro borgen. Sie sollen sich wie Touristen verhalten, sagen ihre Helfer und verschaffen ihnen gefälschte bulgarische Pässe. Im Flugzeug sollen die beiden von Athen nach Wien reisen. Rania zweifelt am Gelingen des Plans, doch: Sie kann die Sicherheitskontrolle ohne Probleme passieren.

«Asyl auf Zeit»

Die letzten Szenen zeigen Rania, wie sie durch eine Passagierbrücke zur Maschine der Austrian Airlines geht, erstmals wirkt sie erleichtert. Hier endet das Video. Dem «Guardian» zufolge hat die österreichische Polizei Rania und ihren Begleiter nach der Landung festgenommen. Die beiden haben daraufhin einen Asylantrag gestellt.

Wie das Nachrichtenportal «Heute» in Erfahrung gebracht hat, wurde der Antrag mittlerweile bearbeitet. Die 20-Jährige erhielt in Österreich «Asyl auf Zeit», was ein auf drei Jahre befristetes Aufenthaltsrecht bedeutet. Liegen danach keine Voraussetzungen für die Einleitung eines Aberkennungsverfahrens vor, bekommt Rania ein unbefristetes Aufenthaltsrecht.

Mit freundlicher Genehmigung von 20min.ch

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